17.508 INSELN

 

Die Gummistiefel hätte ich mir sparen können. Der von Fledermauskot, toten Insekten und Gesteinssedimenten verunreinigte Schlamm ist tiefer als gedacht. Nur mühsam komme ich vorwärts, in meinem Nacken klebt ein durchnässtes, orientierungsloses Fledertier, unter mir schieben sich nackte, rosafarbene Wesen aus dem Wasser. Es ist finster und heiss, und langsam geht mir die Luft aus. In solchen Momenten fragt man sich, was man hier eigentlich macht. Ist es das wert? Ich sollte in einem Hotel, am Strand, oder überhaupt gleich im häuslichen Garten meinen Urlaub genießen. Stattdessen diese Schinderei.

     

Aber: Es geht immer noch ums Projekt, immer noch um dieses Vorhaben, das wahrscheinlich länger währt als ein Menschenleben. Die naturkundlichen Hot Spots der malayischen Inselwelt zu besuchen und fotografisch zu erfassen. Seit dem Jahr 2000 bin ich dran, und da hat alles begonnen mit einem antiquarischen, kleinen Käferbuch. Und auch nur, weil in diesem Buch irgendwo in der Mitte die Abbildung eines Gespenstlaufkäfers zu sehen war. Eine bizarre Kreatur, so ungewöhnlich und phantastisch, dass ich unbedingt wissen wollte, wo sowas wohl lebt. Ganz klar, auf Sumatra. Der Name dieser Insel alleine birgt schon Abenteuerlust, Exotik und jede Menge Tropenwald. Und den orangehaarigen Waldmenschen namens Orang Utan. Als ich dem einzelgängerischen Menschenaffen erstmals gegenüberstand, wusste ich noch nichts von meinem Projekt. Erst danach bekam die vage Idee Form, Farbe und Ziel. Mittlerweile kann ich nach meiner sechsten Reise innerhalb von 13 Jahren auf einen ganz guten Ist-Zustand zurückblicken. Neben der Insel der Orang Utans kann ich bereits Java, den Süden Kalimantans, Nord-Sulawesi, West Papua, Bali und Flores auf der Landkarte mit kleinen Fähnchen markieren.

      

 

Noch ein paar Schritte weiter, bevor die Höhle der gelbgefleckten Pythons im Innern der Insel Flores einen scharfen Knick nach rechts macht und ich nach einem Sauerstoffgerät schreie. Die Decke ist von Fledermäusen dicht gedrängt, immer mal wieder verlieren manche den halt und stürzen in die Kloake. An den morastigen Höhlenwänden klammern sich zitternde, nackte Jungtiere, alles ist übersät mit kleinen weißen Würmen und wimmelnden Kakerlaken, die im Schein meiner Kopflampe wie Kupfer glänzen.  Die Pythons machen sich rar, nur eine einzige nahe des Höhleneingangs hat sich in ihr Loch verkrochen.

     

Das ist das Los des Fotografen, entweder zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – oder nicht. Und das noch hinzukommende Los einen Freizeitfotografen ist es, innerhalb kürzester Zeit – und ich meine hier Tage und Stunden – am richtigen Ort zu sein, und das dann wieder so schnell als möglich.  Die Reisen nach Indonesien sind stressig, atemlos, unfallgefährdet, aber dennoch oftmals vom Glück gesegnet – wie im Jahr 2010, wo ich innerhalb von einer Woche die Chance bekam, den seltenen Wilsons Paradiesvogel in der fernen Inselwelt von Raja Ampat im Nordwesten Neuguineas zu beobachten und zu fotografieren. Oder die blühende Rafflesiablume in Zentralsumatra. Oder die großen, farbenprächtigen Kalmare vor der Küste Komodos.

 

AUF DEN SPUREN VON WALLACE

 

An meiner Seite ein älterer, weißbärtiger Mann, den nur ich sehen kann. Er spricht nicht viel, sondern deutet nur oder nickt manchmal wissend mit dem Kopf. Der Mann ist eine Berümtheit, wenn auch sein Name nicht so eingänglich ist wie der seines Zeitgenossen, Brieffreund und geheimen Rivalen Charles Darwin. Der Geist des Alfred Russel Wallace begleitet mich, reduziert auf das, was ich von ihm weiß. Wie kein anderer vor noch nach ihm hat je einer die unendlich scheinende Inselwelt zwischen Asien und Australien so erkundet wie der Mann aus Wales, wenngleich er ein spätberufener war. Wallace steht neben mir, während ich den blendend weissen, seltenen Balistar im brütend heißen Nordwesten der gleichnamigen Insel fotografiere. Und er steht neben mir und hält mich an, zur Seite zu springen, als ein giftiges, zwei Meter langes Reptil im züngelnden Dino-Gedächtnis-Look durch den Morgendunst auf mich zuläuft. Da ich sowohl einen der seltensten Vögel der Welt als auch den Drachen von Komodo auf meiner epishen und immer wieder unterbrochenen Entdeckungsfahrt durch die Inselwelt Indonesiens nicht links liegen lassen kann ist klar. Mein projektbezogenes Pflichtbewusstsein müsste aber auch Sumatra-Tiger, Java-Nashorn und Hirscheber mit einschließen. Indonesiens most wanted sind nur schwer bis gar nicht zu finden. Selbst die einheimischen Ranger unter sich prahlen mit ihren Sichtungen. Angesichts von Job und Familie erscheint das Erfassen seltener tropischer Tiere fast unmöglich. In der knappen Zeit, die zur Verfügung steht, mein Projekt weiterzuführen, war es mir bislang nicht möglich, genannte Wesen vor die Linse zu bekommen. Doch ich versuche es trotzdem.

 

ZU DEN HIRSCHEBERN

 

Als nächstes Ziel, und um mein Kapitel über den Norden Sulawesis zu komplettieren, werde ich versuchen, das Babi Rusa - auf Bahasa Waldschwein, bei uns eher bekannt unter dem Namen Hirscheber, zu finden. Die Planung der Expedition in den Regenwald des Adudu Nantu Reservates ist in vollem Gange. Budhiprayoga, Freund und langjähriger Begleiter bei meinen Projekten, kann es wiedermal kaum erwarten, in Gebiete vorzudringen, die er selber noch nicht kennt. Der Vater zweier Mädchen kennt die Vulkane Indonesiens wie kein anderer. Von der schneebedeckten Carstenz-Pyramide im Herzen West Papuas bis zur Vulkankette auf Java ist ihm kein Berg zu schwer, alleine den Gunung Semeru im Osten der Insel hat er schon mehr als hundert mal bestiegen. „Never stop exploring“ ist sein Motto, der Slogan steht auch auf jedem Banner und auf seiner Website zu seiner im Alleingang gegründeten Expeditionsagentur INDONESIA JOURNEY. Die Kunst, sich und andere für sein Land zu begeistern, ist ansteckend. So fliegt er für seine Kunden und deren Projekte von Bangkok nach Jakarta, von Bali nach Sorong, Raja Ampat. Den Inselregenwald Waigeos vor der Nordwestküste Papuas haben wir 2010 gemeinsam zum ersten Mal durchwandert. Ähnlich wird es bei den urtümlichen, mit stattlichen Hauern bestückten Hirschebern sein. Für uns beide unbekanntes Terrain. Doch mit Zelt, Kocher, viel zu kleinen Gummistiefeln und einer gehörigen Portion Humor ist es vorallem ein willkommenes Wiedersehen. Auch, um von unseren Familien zu erzählen, und auch, um über neue Ziele zu philosophieren.

 

VON DER REISE ZUM BUCH

 

Die schweißtreibenden Expeditionen, sei es mit Experimentalflugzeug, selbstgebastelten Teleskop-Remote-Konstuktionen oder nassen Socken, führen letzten Endes zum sehnsüchtigen Ziel eines printverliebten Grafik-Designers – zum Buch. Geplant sind acht Bände, es könnten aber auch mehr sein, zieht man überarbeitete und ergänzte Neuauflagen in Betracht. Band 1 ist mal draußen, im Eigenverlag biodiversity:books produziert und vertrieben, erschienen im Oktober letzten Jahres. Der Fokus auf West Papua als ersten Schritt ist bewusst gewählt, gibt es doch thematisch weit und breit kaum etwas Vergleichbares am Buchmarkt. Band 2 und 3 sind in Vorbereitung – der Norden Sulawesis und die kleinen Sunda-Inseln. Näheres im Herbst auf der Buch Wien im Rathaus.

    

Verdreckt, verschwitzt und das Schreien der Fledermäuse im Ohr stolpere ich aus der Höhle – die gefleckte Python in ihrem Loch oben in der Felswand immerhin aufgespürt. Ich stelle mich mitsamt Hemd und Hose unter einem nahe gelegenen Wasserfall – gemeinsam mit den Kindern aus dem Dorf jenseits des Waldes. Das Licht des Nachmittages legt sich sanft über das Flussbett, fern höre ich das Donnergrollen des herannahenden Gewitters. Der zahnlose, taube Eremit führt uns von der heiligen Höhle durch den Dschungel zurück auf den Weg.

 

Um die eingangs gestellte Frage an mich zu beantworten: Ja, das ist es wert gewesen.

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