ONCE UPON A TIME IN INDONESIA…

 

 

Erst 1910 hört der niederländische Leutnant van Hensbroek erstmals von bis zu sieben Meter langen Monsterechsen, die auf den Inseln vor Flores leben sollen. Die Legende hinter der zoologischen Entdeckung ist noch viel älter und erzählt von der Verbundenheit zwischen Mensch und Natur.

 

DIE PRINZESSIN DER DRACHEN

 

Über uns die Milchstraße. In einer versteckten Lagune vor der Insel Rinca ist die See spiegelglatt und ruhig. Fruchtfledermäuse schwirren fast lautlos über unsere Köpfe hinweg. Marco Polo, der Kapitän, klein und drahtig, wild wucherndes Haar und schütterer Bart, kauert im Schneidersitz auf dem Dach des Bootes vor einer Campinglampe und beginnt zu erzählen. Von einer Legende, die von einem der erstaunlichsten und furchterregendsten Tiere handelt, die im indonesischen Archipel beheimatet sind. Es ist die Geschichte einer wunderschönen Prinzessin mit dem Namen Putri Naga. Sie trug feinste Seide und ein goldenes Stirnband als Zeichen ihres Status durchbrach den Glanz ihres langen, schwarzen Haares. Putri Naga vermählte sich mit einem angesehenen Krieger und Prinzen namens Najo und war bald guter Hoffnung. In ihrem jungen Mutterleib regte sich Leben, sogar mehr als das. Sie sollte Zwillinge gebären. Was aber noch keiner, nicht einmal die Prinzessin selbst, erahnen konnte, war, dass sich die beiden Geschwister – Bruder und Schwester - in erschreckender Weise voneinander unterschieden. Der Fötus des Mädchens wurde zum Reptil. Schmal der Kopf, mit langgezogener Schnauze, die Augen unter dicken Lidern an der Seite, kleine Zahnreihen oben und unten, dazwischen eine bewegliche, gespaltene Zunge. Der Bub aber war ein Mensch.

 

 

 

Als Putri Naga ihre Kinder zur Welt brachte, im Geheimen, irgendwo im Regenwald unter Dickicht und Palmen, wurde das Unmögliche zur Gewissheit. Die Prinzessin betrachtete ihr Schicksal als ein Wunder, und nicht als Strafe der Götter. Doch sie wusste von der Furcht der Menschen vor den Naturgewalten und dem Glauben an das Böse in allem Unerklärlichen, leben doch die Völker Indonesiens am Rande eines brodelnden Vulkangürtels. Putri Naga musste ihre Tochter verstecken. Sie wusch das kleine, schuppige Wesen, gab ihm den Namen Ora und übergab es in die Obhut von Mutter Natur. Den Bruder des Reptils nannte sie Si Gerong, wusch auch ihn, wickelte ihn in Tücher und schaffte es, am Rande ihrer Kräfte, zurück in die Welt der Menschen. Die Prinzessin blickte beim Abschied nicht zurück, ihr Herz aber war schwer, und Tränen liefen über ihre Wangen. Das Wesen, Ora, blickte ihr nach, die dicken Beine auf modriges Holz gestützt.

 

 

Die Jahre vergingen. Putri Naga war seitdem nie mehr wieder an jenen geheimnisvollen Ort ihrer wundersamen Niederkunft zurückgekehrt. Si Gerong aber war zu einem jungen, kräftigen Mann herangewachsen. Zu einem Speerkämpfer und Fallensteller, der die Jagd liebte und jeden Morgen Richtung Wald davonzog, um mit erlegten Muntjaks, Wildschweinen oder Sambarhirschen zurückzukehren. Eines Morgens aber begab es sich, dass Si Gering, seinen Bogen lautlos gespannt, im grünen Dickicht des Waldes einen Samba-Hirschen erblickte.

 

Das stattliche, noch junge Tier, arglos zwischen den modrigen Baumstämmen äsend, war ein leichtes Ziel für den ehrgeizigen Schützen. Ein einziger Pfeil, ein einziger Schuss. Der Hirsch brach schnaubend zusammen. Vorsichtig näherte sich Si Gerong seiner Beute. Doch er war nicht allein. Trockene Zweige splitterten, vor ihm schob sich ein schuppiger, lehmverschmierter Körper aus dem Dickicht. Sobald er die Lichtung erreicht hatte, stürzte sich das Monster auf den Kadaver. Si Gerong taumelte zurück. Das furchterregende Wesen, dessen türkis und braun gesprenkelte Schnauze Fleisch aus den Lenden des Hirsches riss, beachtete den jungen Krieger zunächst nicht. Sie Gerong wollte den Drachen vertreiben. Ora blickte hoch. Sofort erkannte sie ihr Gegenüber und die Bedeutung dieser Begegnung. Auch sie hatte, genau wie ihre Mutter Putri Naga, lange auf diesen Moment gewartet. Auf den Moment der Rache für ein übervorteiltes Leben, den Gefahren ausgesetzt, die von der Wildnis und den Menschen ausgegangen waren. Ora wippte mit ihrer blutigen Schnauze, ihre Kiefer öffneten sich, spitze kleine Zahnreihen wurden sichtbar, zäher Speichel hing von ihren Lippen. Die gespaltene Zunge zuckte vor und zurück. Ora fauchte ihren Bruder an, hob ihre Klaue, rückte vor, stieß sich vom Leib des Hirschen ab und schnellte wie eine Schlange ihrem Opfer entgegen. Sie Gerong wich zurück, spannte erneut seinen Bogen, legte an und zielte auf den Kopf des Raubtieres. Bevor das Schicksal im Kampf entschieden werden konnte, tönte eine Stimme durch den Wald. Laut, verzweifelt, den Geschwistern wohlbekannt. Tier und Mensch hielten inne, als eine anmutige Gestalt die Lichtung betrat.

 

 

Mit atemloser Stimme flehte Putri Naga ihre beiden Kinder an, sich die Worte ihrer Mutter anzuhören. Als Si Gerong das Ausmaß des Erzählten begriff, fiel er auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht. Obwohl für ihn ein Wunder und zugleich ein Albtraum, schwor er, seiner Schwester niemals mehr etwas anzutun. Ihre Begegnung war ein neuer Anfang, reich an Erkenntnis und einer neuen Ordnung, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur neu schrieb. Von diesem Tag an wurden Ora und all ihre Nachkommen respektiert, bewundert, aber auch nach wie vor gefürchtet. Die Erben Oras zu jagen und zu töten war von nun an ein Sakrileg, welches die Bewohner des Sunda-Archipels auf ewig zu bewahren gedachten.

 

Marco Polo hält inne, drückt seine selbstgedrehte Zigarette aus und bläst den Rauch in den Nachthimmel. Er sieht uns an, sein Gesicht im schwächer werdenden Licht der Taschenlampe kaum mehr zu erkennen. Schweigend sitzen wir da und horchen in die Dunkelheit hinein. Ganz in der Nähe, zwischen den Wurzeln der Mangroven, hören wir ein Fauchen.

 

DER LEGENDE AUF DER SPUR

 

Tags darauf nähern wir uns zwei steinernen Skulpturen hoch aufgerichteter Warane, die den Pfad in die Drachenwelt markieren. Die Erzählungen Marco Polos geistern immer noch durch meine Gedanken. Es ist früh am Morgen und schon unerträglich heiss. Die baumlose Lichtung, staubig und verdorrt, gereicht dem Mythos der feuerspeienden Echse zur Ehre. In einiger Entfernung sehen wir die Silhouette eines kleinen Warans, gemächlich schleppt sich das Wesen über glühendes Geröll. Sobald die Sonne ihre akkugleichen, kaltblütigen Leiber genug aufgeladen hat, geraten die Tiere in Bewegung. Die größeren Exemplare brauchen etwas länger, dafür sind die Jungtiere Frühaufsteher. Vor den Hütten der Ranger hängen ausgebleichte Schädel von Wasserbüffeln und anderen Tieren, manche davon Opfer giftiger Reptilienbisse.

      

Die Regenzeit im Komodo-Archipel lässt auf sich warten. Im Normalfall müssten bereits von den Hügeln der afrikanisch anmutenden Savanne määndernde Bäche den feinen Staub zu zähem Schlamm verwandelt haben. Doch das Ökosystem Monsunwald, neben den Waranen Heimat unzähliger giftiger Schlangenarten wie die Grüne Kobra oder koloniebildender Insekten, ist staubtrocken. Harsches Laub knirscht unter meinen Schuhen. Stolz trägt der blutjunge Ranger seine olivgrüne Uniform über Pfade, die er auch blind ablaufen könnte, in der rechten Hand einen Stock mit gespaltener Spitze, fast so wie die Zunge Oras. Mit ihr lassen sich Schlangen und die geifernden Mäuler der Warane relativ gut in Schach halten. Doch wo sind die Tiere? Selbst dieses Extremklima dürfte ihnen zu schaffen machen. Je schneller es untertags heiss wird, umso mehr ziehen sich die wenigen übriggebliebenen Exemplare ins Hinterland zurück.

 

Der june Sundanese schlägt vor, auf einem für Besucher gesperrten, schmalen Seitenpfad auszuweichen, um tiefer ins Dickicht des Waldes vorzustoßen. Sein Blick verrät Abenteuerlust, aber auch Neugier. Vor kurzem sei ein Wanderer dort angegriffen worden, allerdings wäre die Chance, Komodo-Mütter an ihren Nestern zu beobachten, eine einmalige Gelegenheit. Ich versuche, das Risiko abzuwägen und entscheide mich, die Vernunft für kurze Zeit aussen vor zu lassen. Das Gesicht des jungen Rangers bekräftigt die Richtigkeit meiner Entscheidung. Aggressiver sollen sie sein, jungtierbewachende Warane. Aber auch leichter zu beobachten. Die einzelgängerisch lebenden, weit verstreuten Tiere sind ansonsten schwer zu finden, trägt ihr Äußeres dazu noch jene graubraune Färbung des Savannenbodens. Schwer ist es, überhaupt irgend etwas zu entdecken. Die Trockenheit und Hitze nimmt der Fauna den Bewegungsdrang.

Doch es dauert nicht lange, dann sehen wir sie. Der stattliche Leib eines Muttertieres verharrt, den steinernen Skulpturen auf der verbrannten Lichtung gleich, am Rande des Erdloches, in welchem sich die Eier befinden. Ein paar Meter weiter weg, unter Buschwerk, liegt ein zweites Tier. Langsam wird es Mittag, alles Leben scheint zum Stillstand zu kommen.

Sobald es Abend wird, werden die Warane wieder durchs Dickicht kriechen, so, wie sie es am Morgen getan haben.

 

Und dabei werden es immer weniger werden. Auf Flores sind die Tiere kaum mehr zu finden, die Inseln Komodo und Rinca sind strenge Schutzgebiete. Letzter Zufluchtsort einer zoologischen Besonderheit, deren Anzahl bereits auf rund 3000 Exemplare gesunken und deren Tendenz im Sinken begriffen ist.

Indonesien liebt den Fortschritt, will aber gleichzeitig die Natur bewahren. Es liebt das Geld und den westlichen Wohlstand, will aber gleichzeitig all seine Legenden hüten wie ein Schatz.

Eine Gratwanderung in einem Mosaik aus Inseln, durch Wasserstraßen verbunden und gleichzeitig durch die Wallace-Linie getrennt. Voller Risiken, aber auch neuer Möglichkeiten. Und vielleicht auch neuer Entdeckungen.

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