Es heisst ja: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Aber gilt das auch für Panzerechsen? Kommt ganz darauf an. Gavialen, Leisten- oder Salzwasserkrokodilen würde ich aus Liebe zu meiner eigenen Gesundheit mit Sicherheit nicht zu nahe treten. Alligatoren schon eher - und am allerwahrscheinlichsten einer ihrer Unterfamilien - den Kaimanen. Bei diesen rundnasigen, bis zu zweieinhalb meter lang werdenden Tieren ist nicht der Angriff die beste Verteidigung, sondern der Rückzuck. Und das, nachdem drachengleiche Fauchtiraden wirkungslos bleiben. Die im nördlichen Pantanal weit verbreitete Untergattung der Brillenkaimane (Caiman yacare) verdienen ihren Namen aufgrund eines stark hervortretenden Knochenwulstes, der hinter den Augen liegt. Meist in Tümpeln und von Seelilien überwucherten Uferzonen anzutreffen, wagen sich die Kaimane kaum aus dem Wasser. Nirgendwo sonst ist es paradiesischer. Brennt die Sonne heiss vom Himmel, müssen die kaltblütigen Geschöpfe schon mal die Gelegenheit nutzen, um ihren Akku aufzuladen. Was jeder weiß - Reptilien können ihre Körperwärme nicht selbst regulieren. Hier bedarf es Hilfe von aussen. Und dann findet man sie. Zu Hunderten. Überall. Kaum ein Ufer bleibt verschont. Nicht mal die wenigen Pisten, die durch das Pantanal führen. In der Hitze des staubigen Bodens geht das Aufwärmen nämlich viel schneller. Da kommt auch jede Menge Energie von unten. Um überhaupt mit dem Wagen durchzukommen, brauchen die Kaimane eine Extraeinladung. Der eine lässt es sich nicht zweimal sagen, der andere lässt sich bitten.

 

 

Im Amazonasbecken findet man Brillenkaimane nur selten, wenn, dann nur im Süden. Ihr Verhalten dem Menschen gegenüber ist verschieden. Da der große Sumpf des Mato Grosso auch von Menschen und deren Viehherden bewohnt wird, sind wir haarlose Zweibeiner ein gewohnter Anblick. Aufgrund einer bewegten wie gefährlichen Vergangenheit, in der die Reptilien ihres wohlschmeckenden Fleisches und ihrer Haut wegen gewildert worden sind, genießt manch ein Tier zufällige Begegnungen mit Vorsicht. Andere aber scheren sich einen feuchten Kehricht. Man könnte annehmen - je größer das Tier, umso furchtloser. Doch dem ist nicht so.


Ihrer eigenen Stärke sind sich die gepanzerten Bewohner des großen Sumpfes nur selten bewusst. Dieser manierliche Koloss auf dem Foto allerdings schon. In einem kleinen Teich unweit des Rio Claro treibt ein knapp zwei Meter langer Kaiman träge im Wasser. Die Betreiber einer nahen Lodge haben einen kleinen Beobachtungssteg errichtet, der einige Meter über das trübe Gewässer zu einem geparkten Motorboot führt. Im Licht der späten Nachmittagssonne lässt sich der vorsintflutliche Körper des Reptils wunderbar ausmachen. Seine kurzen, kräftigen Beine scheinen sich fast unmerklich zu bewegen. Das Maul steht offen. Ich blicke von der Plattform direkt auf den gepanzerten Rücken. Die kleine, handliche Unterwasserkamera in der Hand, lege ich mich auf die Bretter des Steges und beuge mich zum sachte dahingleitenden Kaiman hinunter. Ins Wasser mit der Kamera. Abgedrückt. Das Gegenlicht erschwert die Sicht. Vorallem unter dem Wasserspiegel. Ausser milchig gelbgrünem Nebel lässt sich kaum etwas erkennen. Das Tier treibt davon, ohne von mir die geringste Notiz zu nehmen. Nach kurzer Zeit macht es kehrt, keiner weiß warum. Der Kaiman hat sich nicht wirklich bewegt, dennoch steuert er mit verstohlener Selbstsicherheit seinen wuchtigen Körper durchs sedimentreiche Wasser. Der Riese kommt auf mich zu und biegt vor dem Steg nochmal nach rechts. Das Reptil schenkt der Sonne nun die volle Breitseite. Ich robbe ganz nach vorne zum Ende der hözernen Konstruktion und lasse das Tier entlang des Steges herantreiben. Als es noch kaum einen halben Meter von meiner Hand entfernt ist, drücke ich ab. Ich habe den richtigen Winkel getroffen, die richtige Entfernung. Das trübe Wasser changiert in milchigen Grün- und Gelbtönen. Aus dem diffusen Dunst ragt ein zahnbewährtes Maul. Schnell ziehe ich meine Hand zurück. Der Kaiman treibt weiter. Allerdings hätte das Wesen auch anders reagieren und seine Kiefer zuschnappen lassen können. Ein lästiges Wesen wie der Mensch kann schon mal eine Abreibung erhalten, wenn es die Idylle einer Echse über die Maßen stört. Und wann das ist, lässt sich nicht berechnen.

 

Zum Glück kann ich darüber keine Auskunft geben.
 

 

Details zum Foto: Canon PowerShot D20, 1/250 bei f 3.9, ISO 250, 5mm (5.0 - 25.0mm Zoom

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