IM GESPRÄCH

 

Der Verein für Tier- und Naturfotografie Österreich, kurz VTNÖ genannt, bat mich vor Kurzem zum Interview, welches im eben erst erschienenen Newsletter veröffentlicht wurde. Damit meine Plauderei aus dem Nähkästchen auch für Nicht-Fotografen und Naturliebhaber nachzulesen ist, veröffentliche ich das Gespräch kurzerhand als Blog-Artikel.

 

VTNÖ: Auf welche Themenbereiche der Naturfotografie hast du dich spezialisiert und was inspiriert dich hierbei?

 

Michael Grünwald: Anders als viele meiner Fotografenkolleglnnen zieht es mich nicht in die nördlichen Regionen unseres Planeten, sondern definitiv in den tropischen Süden. Der Artenreichtum tropischer Regenwälder hat es mir besonders angetan. Dort liegt mein Schwerpunkt. Und ganz besonders die Artenvielfalt der Inseln rund um den Äquator, im Speziellen jene Indonesiens. Nirgendwo sonst ist die Vielfalt des Lebens so scheinbar grenzenlos wie in diesen Breiten. Und die Methoden des Überlebens, all die Taktiken, Spezialisierungen und Erscheinungsformen sind dementsprechend kurios und sehr oft schlicht unglaublich. Ich sehe mich weniger als Landschaftsfotograf, vielmehr als Tierfotograf. Und da vor allem in freier Wildbahn. Das Kreatürliche, Wesenhafte, Lebendige im Kontext mit dessen Umgebung - das ist das, was mich schon immer fasziniert hat. Und so hat meine Leidenschaft für das Fotografieren von Tieren auch begonnen - mit meiner ersten Reise in die Regen- und Dornenwälder von Madagaskar, neben Indonesien und Brasilien eben auch ein Hot Spot seltener, endemischer Arten.

 

Was war dein erfolgreichstes Foto und wie entstand es?
 

Um diese Frage zu beantworten, muss ich mich erst mal selber fragen: Was bedeutet für mich „erfolgreich"? Ist ein Foto dann erfolgreich, wenn es von einer Fachjury prämiert und folglich in Zeitschriften publiziert wurde? Oder ist es Erfolg, ein seltenes Tier oder eine seltene Pflanze aufgespürt und fotografiert zu haben? Der eine Erfolg kommt von außen und macht dich abhängig vom Feedback anderer, der andere Erfolg ist ein ganz persönlicher. So gesehen bevorzuge ich den persönlichen Erfolg. Und da erinnere ich mich sogleich an meine Expedition in den Regenwald der Insel Waigeo im Nordwesten Neuguineas. Ich war dort auf der Suche nach dem Wilson's Paradiesvogel, einem sehr seltenen, farbenprächtigen kleinen Vogel, den man unter den Zweigen des Rotan-Baumes beim Balztanz beobachten kann. In Anbetracht meiner wenigen Zeit, die ich für meine Fotoreisen familien- wie arbeitsbedingt zur Verfügung habe, hielt sich die Wahrscheinlichkeit, einen Bela Rotan - wie ihn die Papua nennen - überhaupt zu Gesicht zu bekommen, sehr in Grenzen. Wir sind gemeinsam mit den Einheimischen eines nahegelegenen Dorfes tagelang tief in den sumpfigen Dschungel Waigeo's vorgedrungen - leider ohne Erfolg. Da uns danach nicht mehr allzu viel Zeit blieb, haben wir in Waisai, der Hauptstadt Raja Ampats, Kontakte geknüpft und soweit ausreichend recherchiert, um herauszufinden, dass der Paradiesvogel auch woanders zu finden sei - nicht unbedingt weit weg in den Tiefen des Waldes, sondern unweit der Küste nahe der Baustelle für einen Provinzflughafen. Am vorletzten Tag haben wir uns per Boot dem lehmigen Kahlschlag genähert und sind mit einem ortskundigen Führer kilometerweit über furchige Erde gewandert, um dann hinter dem grünen Vorhang des Waldes, einige Meter weiter, vor einem Rotan-Baum auf der Lauer zu liegen. Es war Nachmittag, die Sonne stand schon tief. Nach einigen Stunden des Wartens dann der charakteristische Ruf des Wilson. Und für einige Sekunden war das gefiederte Juwel auch sichtbar. Um aber für den Rest des Tages nicht mehr wiederzukehren. Blieb also nur noch der letzte Tag. Frühmorgens, um halb Vier aus den Federn, runter zum Strand. Aufgrund des Wellengangs war eine Anreise per Boot nicht mehr möglich. Zwei Insulaner nahmen uns auf Motorrädern mit. Über unwegsames Gelände, die gepflügte Lehmpiste entlang. Der Guide, mit dem wir uns hätten treffen sollen, kam nicht. Wir mussten den Weg also alleine durch den Wald finden. Dort saßen wir dann, rechtzeitig vor Sonnenaufgang. Und dann kam er angeflogen. Stellte stolz seine grün gefiederte Brust zur Schau, seinen roten Rücken und seinen geringelten Federschwanz. Und das Beste kam zum Schluss: das Weibchen. längst nicht so prächtig, aber sowohl Männchen als auch Weibchen in letzter Minute noch auf einem Foto zu verewigen - das war wirklich Glück. Wie so oft ging es auch damals darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und eben viel Glück zu haben.

 

Was möchtest du mit deinen Fotos vermitteln?

 

Biodiversity. Wie mein Arbeitslabel schon vorwegnimmt, geht es mir in erster Linie um die Vielfalt der Arten. Um ihr Intelligent Design, ihre Aufmachung, ihr Aussehen. Wie es mit ihrem ursprünglichen Habitat interagiert, wie alles zusammenhängt. Wie sehr ein Wesen aufgrund seines Erscheinungsbildes und seines Verhaltens Teil von etwas Großem, etwas Ganzem ist. Je exotischer, je ungewöhnlicher, je mehr diese Tiere oder Pflanzen Eigenbrötler und Außenseiter im Wettlauf der Evolution darstellen, umso faszinierender sind sie für mich. Wenn es von einer Tiergattung nur einen Vertreter gibt, wenn eines dieser Wesen ein ganz besonderes, ungewöhnliches Verhalten an den Tag legt, um seine ganz eigene evolutionäre Nische zu besetzen, dann möchte ich diese Lebewesen finden, beobachten, fotografieren und über sie berichten. Das sind vor allem natürlich auch Lebewesen, die auf Inseln beheimatet sind. Das experimentierfreudige Labor der Inselbiogeografie bietet scheinbar grenzenlose Vielfalt. Letzten Endes diese Vielfalt zu erhalten, und mit meinen Berichten und Bildern auf die Kreativität der Natur und den Erhalt dieser Schatzkammer aufmerksam zu machen, das sind die treibenden Kräfte meines Projekts.

 

Welchen Rat würdest du einem Fotografen geben, bessere Fotos in deinem Themenbereich zu machen?

 

Auf alle Fälle rate ich, sich selbst keinen Druck zu machen bei dem, was man erreichen möchte. Und schon gar nicht einzig und allein darauf hinzuarbeiten, Wettbewerbserfolge erzielen zu müssen. Die Naturfotografie bietet so viel mehr. Da gibt es ein so gewaltiges, vielseitiges Drumherum. Und es bedarf auch keinem High­Tech-Equipment. Die Kamera darf durchaus einige Jahre alt sein. Und muss auch nicht was weiß ich wie viele Megapixel aufweisen. Wichtig ist das eigene Auge, die eigene Geschichte. Das kann man sogar mit dem Smartphone hinbekommen. Wenn man nach seinem Stil forscht. Und ihn auch findet. Klar kann man sich den einen oder anderen Trick anderer Fotografen zu Herzen nehmen, vor allem wenn man in einem gewissen Bereich, sei es Landschaftsfotografie oder Makro, nicht weiterkommt. Vorbilder sollen motivieren, seine eigene Story, sein eigenes Thema zu finden. Hat man es gefunden, bekommt das ganze Projekt Seele. Ich gebe hier garantiert keinen technischen Rat ab, denn die Technik ist zweitrangig. Das Equipment soll funktionieren, mit welcher Kamera auch immer.

 

Und was noch wichtig ist - geht es darum, Tiere oder Pflanzen in fremden Ländern zu fotografieren, sollte man genau recherchieren. Es gibt immer jemanden Vorort, der darauf spezialisiert ist, bei diesem oder jenem Anliegen zu helfen oder die ganze Fotoexpedition auch zu organisieren. Am besten sollte so eine Reise individuell geplant werden. Ist zwar teurer, aber man hat mehr davon.

 

Welche Projekte bzw. Vorhaben stehen in deiner nahen Zukunft an?

 

Ich befinde mich immer noch mitten in meinem Lebenswerk INTO INDONESIA. Dieses Projekt soll einen Querschnitt der Fauna und Flora des Malaiischen Archipels wiedergeben, und zwar in Form einer Buchreihe, die aus 8 Bänden bestehen soll. Zwei davon, über West Papua und den kleinen Sunda-lnseln, sind bereits publiziert, Band 3 über Nord Sulawesi ist zurzeit in Arbeit. Gemeinsam mit der Indonesischen Botschaft in Wien kann ich nun an der Realisierung des dritten Buches arbeiten. Erscheinungstermin ist voraussichtlich November dieses Jahres, am besten zeitgleich mit der Messe Photo & Adventure in Wien, an welcher sich Indonesien diesmal erstmals als Land präsentieren möchte. Aber wie gesagt, stecke ich noch bis über beide Ohren im Texten und Layouten. Bilder sind schon alle zusammengetragen, nachdem ich letzten Herbst noch die seltenen Hirscheber Sulawesis dokumentieren konnte. Zu dieser Expedition wird es auch wieder einen Bericht im Universum­Magazin geben, für welches ich kontinuierlich schreibe.
 

Weiterführender Link: www.vtnoe.at

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