DIE ZWERGE VON FLORES

 

 

 

So oder ähnlich dürfte es gewesen sein. Langsam kriecht der Morgen über die sanften Hügel und Hänge im Westen der Insel Flores. Das Umland bedeckt von dichtem Regenwald, durchzogen von Flächen freien Graslandes, entstanden durch den Holzeinschlag der Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg. Zeit, Wasser sowie unterirdische Flüsse haben Höhlen in den Kalkstein gewaschen. Höhlen, die nun bewohnt sind. Und denen sich bis zu fünf Meter lange Drachen nähern – gierige, von der Morgensonne erwärmte, vorsintflutliche Ahnen der heutigen Komodowarane, belegt durch Knochenfunde in und um Liang Bua, wortwörtlich übersetzt die „kühle Höhle. Den Schatten unter den Bäumen entwachsen, sind die schuppigen Kreaturen der fossilen Species Varabnus prisca eine permanente Gefahr für ein nicht minder ungewöhnliches Häufchen Mensch, die in den Morgenstunden in der kühlen Luft und im Schutz einer weiten Kalksteinkathedrale ein Feuer entfachen und die erste Mahlzeit des Tages zubereiten. Von den mächtigen Stalaktiten weit über ihnen sickert Wasser aus dem porösen Stein und tropft auf den vom Morgentau verklebten, kühlen Sandboden.

Die kleinen, kaum einen Meter großen Menschen stehen ums Feuer, halten die Arme verschränkt, frieren. Es nieselt leicht, der Himmel, sofern man ihn aus der Höhle und ins Blätterdach des Waldes blickend, erkennen kann, ist bleiern, undurchdringlich, fahl. Dennoch lässt die ideal beschaffene Zuflucht genügend Licht in den hohen, perfekt verteilten Raum. Die Bewegung im Unterholz bleibt nicht unbemerkt. Irgendwo weit hinten in der Höhle, geschützt durch einen mächtigen, vor langer Zeit abgebrochenen Felsbrocken, schreit ein Baby. Die Männer am Feuer, nackt, bärtig, schweigsam. Mit dünnen, sehnigen Armen, krummen, kurzen Beinen und stämmigem Torso. Sie blicken auf, als dich das Geräusch wiederholt.

 

Sie deuten den anderen, zu verschwinden. Die Mütter und halbwüchsigen packen den schutzlosen Nachwuchs und die alten, gebrechlichen und steigen mit ihnen am hinteren Ende der Höhle auf einen sanften Hügel. Sie erreichen eine Art Felsentreppe, die Jungen teilen sich auf, klettern flink die formlosen, scharfkantigen Stufen hinauf und nehmen Kinder und die Alten entgegen. Kaum ein Platz, um sich nierdezulassen, doch die Höhle hat mehr zu bieten als man auf den ersten Blick vermuten würde. Hinter dem steil aufragenden, zerklüfteten Fels, kaum größer und breiter als ein fünfjähriges Kind der Gegenwart. Die Jungen schieben die Alten weiter, drängen dabei mit Worten und Gesten, blicken eilig und ängstlich hinunter zum Eingang der Höhle, wo ihre Väter bereits zu Fackeln und Speeren gegriffen haben. Sie stellen sich länglichen Schatten netgegen, die sich als dunkle Silhouetten gegen das Licht des fahlen Morgens abheben. Womöglich hatten die Zwergenbmenschen von Liang Bua es mit den längst ausgstorbenen, weitaus größeren Vorfahren des Komodowarans zu tun. Zu dieser zeit, vor mehr als 18.000 Jahren, war der kaltblütige Räuber weit verbreitet, Sie machten Jagd auf ein Volk, welches in ihrem Auftreten und in der Physiognomie seiner Individuen außergewöhnlich war. Außergewöhnlich deshalb, weil die 2003 von australischen Paläontologen entdeckten menschlichen Überreste, die in eben jener Höhle nahe Ruteng im Distrikt Manggarai einige Meter unter der Erde ruhten, die eines Zwerges waren.

       

DER EBU GOGO

 

Tatsächlich tauchen in den Erzählungen der Bevölkerung von Flores kleine, haarige Zwerge auf, die im lokalen Dialekt Ebu Gogo gennant werden, was soviel heisst wie „Großmutter, die alles frisst“. Der Bericht eines Einheimischen lautet wie folgt: „Die Ebu Gogo waren winzig wie kleine Kinder, außer im Gesicht komplett behaart und hatten lange Arme und einen runden Trommelbauch. Sie murmelten ständig in einer unverständlichen Sprache, plapperten aber auch nach, was wir ihnen sagten.“*

Anscheinend dürfte dieses versteckte, sich abweisend verhaltende Volk noch bis zu Beginn des 19ten Jahrhunderts existiert und benachbarten Volksgruppen immer wieder Vieh und Teile ihrer Ernte gestohlen haben. Eine weitere Theorie lässt aufgrund einer lang andauernden Konkurrenzsituation zwischen den Ethnien sogar einen Genozid vermuten.**

Seltsamerweise tauchen die Berichte über den Ebu Gogo vermehrt erst nach der Entdeckung des Homo floresiensis auf. Und könnten die Zwerge aus den folkloristischen Legenden aber auch einfach nur Makaken gewesen sein? Ein weiteres Mysterium Indonesiens, rätselhaft und kaum mehr zu lüften.

 

Über Jahre hinweg war sich die Wissenschaft uneinig, ob die spezielle Art Mensch nur deformiert und fehlgewachsen, oder tatsächlich genetischen Zwergenwuchs aufwies. Die Mehrheit der Meinungen tendiert zu letzterer Hypothese. Ganz genau wird man das niemals sagen können. Ob der auf Java ansässige Homo erectus sein Vorfahr war, oder ob hier andere Zufälle mit im Spiel waren, wird ebenso rätselhaft bleiben wie ihr Verschwinden, da man bislang nirgendwo sonst auf Überreste dieses außergewöhnlichen Volkes gestoßen war. Mittlerweile aber hat der Homo floresiensis – oder „Hobbit“ – wie er in Anlehnung an das kleine Volk in Tolkiens phantastischer Welt von Mittelerde genannt wird – einen festgeschriebenen Platz im Stammbaum des Menschen, und sei er auch ein Zweig am Rande, der im Nichts endet. Der Abguss des kleinen, womöglich weiblichen Schädels erzählt von einer Epoche, in der die Natur wild und gnadenlos, und das Überleben der Kleinwüchsigkeit der Waldmenschen zu verdanken war.

       

Was diese Augen wohl gesehen haben mögen?

Von den Riesenechsen niedergetrampelte Körper, die von mit Fackeln herumfuchtelnden Männern hinter den nächsten Fels gezerrt werden. Den Mut einzelner, zäher Kämpfer, die den züngelnden Waranen Paroli bieten und ihnen kleine Speere in tief in den ledrigen Bauch des Reptils rammen. Währenddessen nehmen hoch oben unter der Kuppel die Mütter ihre Babys entgegen und verschwinden in dem felsspalt, zu den Alten und all den anderen Menschen, die sich dahinter in einem Hohlraum zusammen gekauert haben, unsichtbar für Reptilien und andere Gefahren des Waldes. Der Hohlraum hat drei Ausgänge.Unsere indonesischen Begleiter, klein, sehnig und schlank, schaffen es durch den schmalen Spalt, dessen Ränder hunderte kleine schweissnasse Hände, jung und alt, berührt haben mögen.

Für einen wohlgenährten Europäer wie mich unmöglich, ich bleibe in der Biegung kurz vor dem Hohlraum stecken und kann nur noch rückwärts. Ich muss noch höher steigen, meine Kamera baumelt an meinem Hals, ich schwitze. Von oben lasse ich mich durch eine fast kreisrunde Öffnung in die Höhle dahinter gleiten. Sie ist trocken und geräumig, ein ideales Versteck. Durch die Öffnung darunter fällt das Licht des Tages.

Hier sind sie also gesessen, haben ausgeharrt und gehofft.

Bis die Gefahr vorüber war. Bis das entbehrungsreiche Leben weitergehen konnte. Jagen, sammeln, die Höhle verteidigen. Als Volk zu überleben. Bis zum nächsten Angriff. Bis zur nächsten Bewährungsprobe im Wettstreit der Evolution.

        

*Villagers speak of the small, hairy Ebu Gogo. zitiert aus: Daily Telegraph (PDF; 85 kB), 28. Oktober 2004

**Genese Marie Sodikoff: The Anthropology of Extinction. Essays on Culture and Species Death, Indiana University Press 2011, S. 209.

Please reload

FOCUS

MUTTER MEER

31.07.2016

1/1
Please reload

ARCHIVE

11.07.2017

04.07.2017

31.07.2016

26.10.2013

Please reload