DER RUF DES BALISTARS

 

Weiss wie Schnee, blau wie Lapislazuli, und schwarz wie Ebenholz. Eines der seltensten Geschöpfe auf unserem Planeten zählte Mitte der 2000er Jahre lediglich eine Handvoll Exemplare, Tendenz sinkend. Der zur Familie der Stare gehörende, strahlende Vogel hat einen ähnlichen endemischen Stellenwert wie seinerseits, Ende des 18. jahrhunderts der Dodo auf Mauritius. Nur damals war Naturschutz unnötiger Luxus, und eingeschleppte Primaten aus Indonesien versetzten dem flugunfähigen Taubenvogel mit dem wulstigen Schnabel den Todesstoß. Der Balistar hatte Glück im Unglück, nämlich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt worden zu sein. Dennoch – durch seine extreme Isolation, die sich auf die nordwestliche Halbinsel Balis beschränkt, dürfte die Zahl der Vögel niemals mehr als 900 Exemplare betragen haben. Im Angesicht des sammelnden und abholzenden Menschen eine verschwindend geringe Population. Die Schönheit und Stattlichkeit des rund 30 cm großen Vogels wurde ihm schließlich auch zum Verhängnis. Vor den Zeiten von CITES und dem Washingtoner Artenschutzabkommen war die Sammelleidenschaft für Exotikas – ob lebdn oder tot – ungebremst. Die Vögel war vor allem im asiatischen Raum ein beliebtes Besitztum, und so wurde er in den 50er und 60iger Jahren gejagt, gesammelt – und an den Abgrund getrieben. Anfang der Siebziger wurde dem Handel mit exotischen und bedrohten Arten erstmals ein Riegel vorgeschoben, sowohl in Indonesien als auch weltweit - und mit der Gründung des einzigen balinesischen Nationalparks auf der Halbinsel Bukit Prapat Agung in den 80igern speziell für den Balistar ein Refugium geschaffen, das ihn für immer schützen sollte.

 

         

Wir erreichen die Halbinsel im goldenen Licht des anbrechenden Tages. Ein idealer Zeitpunkt, um den Vogel in seiner aktivsten Tageszeit zu beobachten. Durch einen kleinen Mangrovenwald hindurch erreichen wir inmitten des savannenartigen Trockenwaldes ein kathedralenartiges Gehege und einen unfertig wirkenden Betonklotz, der als Behausung für Biologen und Parkverwaltung dient. Eine kleine Tafel gibt Aufschluss über Bali Myna, wie der Vogel vor allem im englischsprachigen und indonesischen Raum bezeichnet wird. In knappen Sätzen und vor allem in Bildern erzählt die Nationalparkbehörde einiges über Brutzeit, natürliche Feinde und die Bedrohung durch den Menschen. Dafür ist die Tafel bei Weitem zu klein. Aufgrund von Verwaltungslücken und Korruption gab es den illegalen Vogelraub noch lange nach dem Fangverbot. Mitunter erreichte die Zahl der Vögel einen katastrophalen Bestand von nur 6 Vögel im jahr 2001.* Dem Schwarzmarkt das Handwerk legen? So radikal es klingt, doch möglich wäre das nur, den Balistar extra für die private Haltung zu züchten, um so den Wildbestand unangetastet zu lassen. Züchtungen zur Bestanderhaltung in Gefangenschaft sind möglich.

Im Gehege selbst hopsen zwei bereits ausgewachsene Exemplare von Ast zu Ast und kommunizieren mit ihren bereits in die Freiheit entlassenen Artgenossen. Diese sitzen aufgeplustert am Dach der Konstruktion und lassen sich von den durchs schüttere Geäst einfallenden Sonnenstrahlen wärmen. So sehr auch solche Monumente der Gefangenschaft irritieren – die Aufzuchtstation ist eine Arche Noah, umgeben von Welt der Menschen, die das Seltene und Schöne besitzen wollen. Das indonesische Nationalparkteam weiß mittlerweile längst, worauf es bei  der Aufzucht von Bali Staren ankommt. Mit dem Support europäischer und amerikanischer Biologen ist es ihnen gelungen, die Tiere in Gefangenschaft zu züchten, aufzuziehen und auszuwildern. Doch das ist erst der halbe Gewinn. Die Vögel werden beringt und katalogisiert, um sie weiter zu beobachten und zu bewachen. Erst dann kann man von gelungenem Naturschutz sprechen.

     

Wir hören ein eifriges Schnattern hoch oben in den Bäumen. Es ist ein heller, gurgelnder Klang, ähnlich dem eines Schwanes, nur um einige Oktaven höher. Schön ist der Gesang nicht gerade, dafür aber die Bewegungen, die der strahlend weiße, makellose Vogel bei seinen Geräuschen vollführt. Er legt seinen kleinen Kopf in den Nacken, reckt den Schnabel in die Höhe und während das quietschende Schnattern ertönt, entfaltet sich das Federbüschel am Kopf zu einem beeindruckenden kleinen Feuerwerk in Weiß. Den Kopf legt der Vogel dabei wieder in einer seltsam runden Bewegung wieder nach vor. 

 

Lange noch kehren die Tiere immer wieder zu ihrem Ort der Freilassung zurück. Hier fühlen sie sich sicher, die Welt ist ihnen vertraut. In naher Umgebung zur Aufzuchtstation hängen hölzerne Nistkästen in den Bäumen. Denn anders als auf der südöstlich gelegenen Insel Nusa Penida, einem 2006 eingerichteten Vogelschutzgebiet, wo ausgewilderte Bali-Stare gelernt haben, in den Wipfeln der Bäume zu nisten, ist der Vogel im Bali Barat Nationalpark immer noch ein Höhlenbrüter. Und er lernt, sich vertrauter Umgebung fortzupflanzen und zu vermehren. Womöglich werden die ausgewilderten Balistare für immer in diesem Gebiet nahe der Küste bleiben, denn die Tiere sind alles andere, nur keine Wanderer, denn sonst hätten sie in Ermangelung an Waldbestand und Nachstellungen andere, isoliertere Gebiete aufgesucht.

 

Von ihren völlig wildlebenden Verwandten bekommt man nur schwer bis gar keine Vögel zu Gesicht. Sie leben im Inneren der Halbinsel, verborgen in den Baumkronen, hinter undruchdringlichem, dornigen Dickicht. Ob diese sich mit der Nachzucht irgendwann einmal vermischen, ist eine Frage der Zeit, wenn überhaupt. So gibt es zwei Populationen, genauer gesagt drei – eine im Südosten vor Bali. Und die Anzahl der Tiere in Gefangenschaft lässt sich aufgrund der Dunkelziffer illegaler Haltungen nur schwer angeben.

 

 

Das Boot ist da, wir müssen gehen. Einmal noch einen Balistar im Flug erwischen. Bis auf wenige Vögel ist die Lichtung rund ums Gehege verlassen, die Ranger begleiten unser Team bis an den Strand, wo die Ebbe es mittlerweile unmöglich gemacht hat, mit dem Boot näher heranzukommen.

Ich lasse sie wissen, dass ich nachkomme, wende aber meinen Blick nicht von dem stattlichen Exemplar eines Balistars, der über mir in einer Akazie sitzt. Noch ein paar Sekunden, wiederholt stößt der Vogel seinen mackernden, gurgelnden Ruf aus und leckt seinen kopf zurück. Dann schwankt er leicht nach vor und zurück, seine Flügel erbeben. Nur nicht die Kamera sinken lassen, obwohl das Gewicht des Teleobjektivs meinen Arm bereits schwer belastet und dieser zu zittern anfängt. Ruhig bleiben, abwarten. Jetzt. Das Tier breitet seine Sschwingen aus und lässt sich in Sekundenbruchteilen wie eine reife Frucht vom Baum fallen, bevor einige knappe Flügelschläge ihn wieder auf Kurs bringt, Richtung Wald. Das letzte Foto, bevor ich aufbreche, ich geglückt. Wie eine chinesische Zeichnung verteilt die Akazie ihre dürren, blattbewährten Äste über das Bild, nur rechts unten, wie eine gezielt geführte Komposition, ruht ein Symbol der Seltenheit, das Schmuckstück Balis – der fliegende Myna.

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